Dankbarkeit und Achtsamkeit

 

Die leisen Dinge wieder wahrnehmen


Dankbarkeit kann ein wichtiger Schlüssel sein, zu mehr innerer Ruhe, Zufriedenheit und Lebensfreude. Das klingt zunächst beinahe selbstverständlich. Doch echte Dankbarkeit ist weit mehr als ein höfliches „Danke“.

Sie entsteht in dem Moment, in dem wir bewusst wahrnehmen, dass uns etwas berührt oder guttut.

Viele von uns haben schon früh gelernt, sich zu bedanken – unabhängig davon, ob wir uns tatsächlich gefreut haben oder nicht. „Danke“ zu sagen, gehörte zum guten Benehmen. Dadurch wurde es jedoch manchmal zu einer Höflichkeitsfloskel, die nur wenig mit einem echten Gefühl von Dankbarkeit zu tun hatte.

Dankbarkeit darf aus dem Herzen entstehen


Dankbarkeit lässt sich nicht erzwingen. Sie entsteht nicht, weil wir glauben, dankbar sein zu müssen. Und sie bedeutet auch nicht, schwierige Gefühle, Sorgen oder belastende Erfahrungen zu verdrängen.

Gerade als hochsensibler Mensch nimmst Du häufig sehr genau wahr, was Dir fehlt, was Dich belastet oder wo etwas nicht stimmig ist. Das ist keine Schwäche, sondern eine Gabe.
Gleichzeitig kann es wohltuend sein, Deine Aufmerksamkeit immer wieder bewusst auch auf das zu richten, was bereits da ist und Dir Halt gibt.

Dabei geht es nur selten um besondere Anschaffungen oder große Ereignisse. Häufig sind es die alltäglichen Dinge, die uns Sicherheit, Wärme und Geborgenheit schenken.
Vielleicht ist es Dein Zuhause – ganz gleich, ob es sich dabei um eine kleine Wohnung oder ein Haus im Grünen handelt. Es bietet Dir Schutz, ein Dach über dem Kopf, Wärme, fließendes Wasser und einen Ort, an dem Du Dich zurückziehen kannst.

Vieles davon erscheint uns im Alltag selbstverständlich. Doch wenn Du Dir einen Augenblick Zeit nimmst und bewusst hineinspürst, kann aus dieser Wahrnehmung ein stilles Gefühl von Dankbarkeit entstehen.

Dankbarkeit und Achtsamkeit gehören zusammen


Dankbarkeit beginnt häufig mit einem achtsamen Moment.

Nur wenn Du das kleine Gänseblümchen am Straßenrand bemerkst, kannst Du Dich daran erfreuen. Nur wenn Du das freundliche Lächeln eines anderen Menschen wahrnimmst, kann es Dich berühren. Und nur wenn Du für einen Augenblick innehältst, hörst Du vielleicht den Vogel, der vor Deinem Fenster singt.

Hochsensible Menschen besitzen oft eine besondere Fähigkeit, solche feinen Augenblicke wahrzunehmen. Im hektischen Alltag, bei Stress oder Reizüberflutung geht dieser Zugang jedoch manchmal verloren.

Dann kann Dankbarkeit zu einer sanften Form der Rückverbindung werden.
Nicht als weitere Aufgabe, die Du erfüllen musst, sondern als Einladung, kleine wohltuende Momente wieder bewusster wahrzunehmen.

 

Bohnen des Dankes


Man erzählt sich die Geschichte von einer weisen Frau, die sehr, sehr alt wurde und tief glücklich lebte. Sie war eine Lebensgenießerin par Excellence. Nie verließ sie das Haus, ohne eine Handvoll Bohnen einzustecken.

Sie tat dies nicht, um die Bohnen zu kauen. Nein, sie nahm sie mit, um so die schönen Momente des Lebens bewusster wahrnehmen zu können.

Für jede Kleinigkeit, die sie tagsüber erlebte - so zum Beispiel einen fröhlichen Schwatz auf der Straße, ein köstliches Brot, einen Moment der Stille, das Lachen eines Menschen, eine Tasse Tee, eine Berührung des Herzens, einen schattigen Platz in der Mittagshitze, das Zwitschern eines Vogels - für alles, was die Sinne und das Herz erfreute, ließ sie eine Bohne aus der rechten in die linke Jackentasche wandern.

Manchmal waren es gleich zwei oder drei.

Abends saß sie zu Hause und zählte die Bohnen aus der linken Jackentasche.
Sie zelebrierte die Minuten. So führte sie sich vor Augen, wie viel Schönes ihr an diesem Tag widerfahren war und freute sich.
Und sogar an einem Abend, an dem sie nur eine Bohne zählte, war der Tag gelungen – es hatte sich gelohnt, ihn zu leben.

(aus Afrika)

 

Achtsamkeit

 

„Unser wahres Zuhause ist der gegenwärtige Augenblick. Wenn wir wirklich im gegenwärtigen Augenblick leben, verschwinden unsere Sorgen und Nöte und wir entdecken das Leben mit all seinen Wundern.“

Thich Nhat Hanh


Unser Alltag ist häufig von Geschwindigkeit geprägt. Wir erledigen mehrere Dinge gleichzeitig, denken während einer Aufgabe bereits an die nächste und versuchen, möglichst vieles in möglichst kurzer Zeit zu bewältigen.

Während wir frühstücken, gehen wir den kommenden Tag im Kopf bereits durch. Während eines Gespräches denken wir vielleicht an eine Nachricht, die wir noch beantworten müssen. Und während wir uns ausruhen möchten, beschäftigen uns die Aufgaben, die noch nicht erledigt sind.

Unsere Gedanken wandern zwischen Vergangenheit und Zukunft. Der gegenwärtige Augenblick gerät dabei leicht in den Hintergrund.

Gerade hochsensible Menschen nehmen besonders viele Eindrücke gleichzeitig auf. Geräusche, Stimmungen, Erwartungen und die eigenen Gedanken können sich überlagern.

Achtsamkeit bedeutet deshalb nicht, noch aufmerksamer für alles zu werden. Sie kann vielmehr helfen, die Aufmerksamkeit bewusst zu bündeln und wieder bei sich selbst anzukommen.

Das Geheimnis der Zufriedenheit


Eine alte Geschichte erzählt von einigen Suchenden, die einen Zen-Meister besuchten.
„Meister“, fragten sie, „was tust Du, um glücklich und zufrieden zu sein? Wir wären ebenfalls gern so zufrieden wie Du.“

Der Meister antwortete:
„Wenn ich liege, dann liege ich. Wenn ich aufstehe, dann stehe ich auf. Wenn ich gehe, dann gehe ich. Und wenn ich esse, dann esse ich.“

Die Suchenden sahen sich irritiert an.
„Aber all das tun wir doch auch“, sagte einer von ihnen. „Wir liegen, wir stehen auf, wir gehen und wir essen. Trotzdem fühlen wir uns nicht so zufrieden wie Du. Was ist Dein Geheimnis?“

Der Meister wiederholte ruhig:
„Wenn ich liege, dann liege ich. Wenn ich aufstehe, dann stehe ich auf. Wenn ich gehe, dann gehe ich. Und wenn ich esse, dann esse ich.“
Als er die Unruhe seiner Besucher bemerkte, erklärte er:
„Ihr liegt ebenfalls, aber während Ihr liegt, denkt Ihr bereits ans Aufstehen. Während Ihr aufsteht, überlegt Ihr, wohin Ihr gehen müsst. Und während Ihr geht, denkt Ihr darüber nach, was Ihr später essen werdet. Eure Gedanken sind ständig an einem anderen Ort. Doch das Leben findet nicht gestern und nicht morgen statt. Es findet in diesem Augenblick statt.“

(aus Asien)

Achtsamkeit bedeutet, diesem Augenblick wieder etwas mehr Raum zu geben.


Das heißt nicht, dass Deine Gedanken niemals abschweifen dürfen oder Du jede Tätigkeit mit vollkommener Konzentration ausführen musst.

Es geht vielmehr darum, immer wieder freundlich zu bemerken, wo Du gerade bist – und mit Deiner Aufmerksamkeit dorthin zurückzukehren.
Vielleicht spürst Du für einen Moment bewusst Deine Füße auf dem Boden. Vielleicht nimmst Du den Geschmack Deines Tees wahr, hörst einem Menschen aufmerksam zu oder beobachtest das Licht, das durch Dein Fenster fällt.

Es sind kleine Momente.
Doch genau aus diesen kleinen Momenten besteht unser Leben.

Dein Buch der schönen Dinge


Eine weitere Möglichkeit, Dankbarkeit und Achtsamkeit miteinander zu verbinden, ist ein persönliches Buch der schönen Dinge.

Wähle dafür ein Notizbuch, das Dir gefällt, Dich vielleicht schon lächeln lässt.
Am Abend kannst Du Deinen Tag noch einmal in Gedanken durchgehen und einige Augenblicke notieren, die angenehm, wohltuend oder stärkend waren.

Das müssen keine besonderen Ereignisse sein.
Vielleicht hast Du ein freundliches Gespräch geführt. Vielleicht hattest Du einige Minuten nur für Dich. Vielleicht hast Du etwas erledigt, das Dir schwergefallen ist.
Oder Du hast eine kleine Meise gehört, während Du auf den Bus gewartet hast.
Auch ein gesetztes Nein, eine eingehaltene Pause oder der bewusste Rückzug aus einer überfordernden Situation kann in Deinem Buch einen Platz finden.

Du kannst Dir dafür zum Beispiel drei Fragen stellen:
Was hat mir heute gutgetan?
Was habe ich heute bewältigt oder für mich entschieden?
Welcher kleine Moment war heute schön?

An manchen Tagen werden Dir viele Dinge einfallen. An anderen vielleicht nur eine einzige Kleinigkeit.
Du musst nichts erzwingen und Deinen Tag auch nicht schöner darstellen, als er sich für Dich angefühlt hat.
Das Buch soll schwierige Gefühle oder Erlebnisse nicht verdrängen. Es lädt Dich lediglich dazu ein, neben allem Belastenden auch das wahrzunehmen, was Dich gestärkt, berührt oder für einen Moment aufatmen lassen hat.

Mit der Zeit entsteht eine persönliche Sammlung aus kleinen Lichtblicken, guten Entscheidungen, wertvollen Begegnungen und wohltuenden Erfahrungen.
Eine Sammlung, die Dich daran erinnern kann:
Nicht jeder Tag ist leicht. Aber auch in herausfordernden Zeiten gibt es manchmal einen Augenblick, der Dich trägt.